Das 'E' steht für 'Enable'

In verschiedenen Vorträgen nahmen am 17. Juni im Maritim Hotel in Frankfurt Unternehmen von der Telekom bis zur SAP die Gelegenheit wahr, sich über die Erfahrungen mit der Einführung der HICHERT®SUCCESS-Methode auszutauschen. Bei der Veranstaltung gab Rolf Hichert, Urheber der nach ihm benannten Methode, bekannt, dass am 16. Juni ein Verein Schweizer Rechts zur Förderung der International Business Communication Standards (IBCS) gegründet worden sei; der IBCS soll mittel- bis langfristig die SUCCESS-Methode ablösen – entsprechend werde ich im Folgenden konsequent nur noch vom IBCS sprechen.

Alle Vortragenden berichteten von dem Prozess, der mit der Einführung einen neuen Standards für die visuelle Kommunikation verbunden ist, wobei sich die Erfahrungen und die daraus folgenden Lehren an vielen Punkten überschnitten.

So müssen sowohl Führungskräfte, als auch die power user – also die Nutzer und Anwender, die besonders intensiv mit der Materie befasst sind – mitgenommen und eingebunden werden; niemand sollte und darf von den Änderungen überrollt werden. So wird eine hohe Akzeptanz gewährleistet. Damit einher geht die Überzeugung, dass der IBCS nicht top down eingeführt werden sollte.

Gutes setzt sich durch

Zunächst sollte eine Kern-Nutzergruppe auf die Nutzung verpflichtet werden. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass ihre Mitglieder sich besonders gut mit der Materie und ihren Hintergründen auskennen und (bestenfalls) an der Ausarbeitung eines internen Standards (als Abwandlung und Erweiterung des IBCS für die Zwecke des Unternehmens) beteiligt war. Bei anderen Abteilungen wird darauf vertraut, dass sie die Methode von sich aus adaptieren nach dem Motto: Gutes setzt sich durch.

(Kleine Randbemerkung: Gut ist hier durchaus im doppelten Wortsinn zu verstehen, denn (1) sind die nach IBCS erstellten Diagramme und Tabellen leicht verständlich und von hoher Qualität; (2) weisen sie gewissermaßen auch eine moralische Güte auf, die sich aus der Transparenz und Aufrichtigkeit in der visuellen Kommunikation durch den Standard ergibt.)

Es sollte zudem nicht versucht werden im ersten Wurf eine 100%-Implementierung durchzusetzen. Stattdessen ist es wichtig auf Feedback aus dem Unternehmen zu hören und schnell einen Stand des eigenen Konzepts und eine technische Realisation bereit zu stellen. Von diesem Stand aus kann weitergearbeitet und das Konzept -entwickelt werden.

Damit drehten sich die Vorträge in erster Linie um das 'E' aus SUCCESS und zeigten, dass ENABLE ein wichtiger Aspekt ist, auch wenn es eine merkwürdige Stellung im sonstigen Konzept einnimmt. Wie es dazu in den Schulungsunterlagen von Rolf Hichert heißt:

ENABLE fordert eine geeignete organisatorische, personelle und systemtechnische Umsetzung des SUCCESS-Konzepts. … Bei kritischer Betrachtung müsste ENABLE außerhalb von SUCCESS diskutiert werden – aber dann wäre der Buchstabe E ohne Bedeutung…

Oberst Kaatz und die SAP

Besonders beeindruckend war der Vortrag von Oberst Kaatz, der sehr lebendig und rhetorisch geschliffen über die Implementierung der IBCS im BMVg berichtete. Die Implementierung der IBCS beim BMVg läuft unter dem Akronym BASIS; besonders schön: das letzte 'S' steht für: Schnickschnack vermeiden.

Warum war der Vortrag so gut?

Zum einen deswegen, weil Herr Kaatz mit konkreten Lösungen für reale Probleme aufwarten konnte: Wie leistet man intern Überzeugungsarbeit für das neue Konzept? – In dem man das Thema emotionalisiert, für es eintritt und seine Begeisterung zeigt; niemand setzt sich ernsthaft für Ampeln und Torten-Diagramme ein, so dass man auf der emotionalen Ebene schnell gewinnt. Wie überzeugt man die Führungskräfte? – In dem man nicht bereits bestehende Änderungen verteufelt, sondern "sanft" Verbesserungsmöglichkeiten aufzeigt; in dem man der Führungskraft zu dem das Gefühl gibt, sie wäre – gewissermaßen wie in der Mäeutik – selbst auf diese Idee gekommen. Wie bringt man den Adressaten dazu den Geschäftsbericht auch tatsächlich zu lesen? – In dem man, wie in einem Roman, einen Spannungsbogen hält, der auch über 180 Seiten trockenen Reportings trägt. Wie macht man die Controller glücklich? – In dem man ihnen einen Service bietet, der die Arbeit erleichtert und das Ergebnis ihrer Arbeit verbessert.

Zum anderen, weil der Vortrag – man muss es einfach so sagen – fesselnd und sprachlich brillant war.

Ein weiteres Highlight war der Vortrag der SAP. Die SAP ist ein Weltkonzern und ein entsprechender Aufwand wird mit dem internen Berichtswesen betrieben. Die SAP ist außerdem ein IT-Konzern, was zu dem nahe liegendem Ergebnis führt, dass man den zuständigen Mitarbeiten eine Software-Implementierung des IBCS zur Verfügung stellt.

Neben einem Excel-Wizzard, der die Standard-konforme Erstellung von Diagrammen ermöglicht, hat die SAP einen mächtigen Assistenten (auf Grundlage von Chrystal Reports) zur Generierung von Reports erstellt: Der Sachbearbeiter nimmt zunächst Konfigurationen zu Berichtstyp, Datenquellen, etc. vor, die Einstellungen werden als veränderbare Vorgabe gespeichert, so dass sie für den nächsten Berichtszeitraum wieder zur Verfügung stehen. Das System generiert automatisch alle notwendigen Tabellen und Diagramme; diese müssen im Anschluss noch um Kommentare ergänzt werden. Es gibt zu dem die Möglichkeit weitere Seiten in das Gesamtwerk einzufügen. Nachdem alle notwendigen Daten, Diagramme und Erläuterungen vorhanden sind, sammelt das System alle Seiten und fügt sie zu einem einzigen PDF zusammen. Der resultierende Zeitgewinn ist enorm.

Kein Wunder, dass dies im Publikum Begehrlichkeiten weckte und die Frage nach dem Zeitplan für eine Veröffentlichung der Software sorgte, die aktuell nur intern im Einsatz ist. Zwar existiert dafür eine Roadmap – diese ist aber bisher noch nicht offiziell, so dass dazu keine Angaben gemacht werden konnten…

Die Rolle der IT

Ein letzter Punkt, der für mich spannend war und der auch mich als Entwickler direkt betrifft, war die Diskussion, welche Stellung die IT in der Ausarbeitung eines internen Standards und bei der Implementierung des IBCS in einem Unternehmen einnehmen sollte.

Die einhellige Meinung dazu war, dass die IT solange wie möglich aus den Entscheidungsprozessen herausgehalten werden sollte. Die Gründe dafür leuchten ein: Zum einen neigen Entwickler dazu sich in Details zu verrennen; zum anderen hat man – sobald ein Entwickler am Tisch sitzt – eine Diskussion zur Machbarkeit. Die Machbarkeit aber sollte keine Rolle spielen, vielmehr sollte zunächst ein geschlossenes Konzept vorhanden sein. Dieses Konzept kann dann umgesetzt und falls notwendig hinsichtlich der Machbarkeit einzelner Punkte nachjustiert werden.

Fazit

Es war beeindruckend, welcher Aufwand durch die Firmen getrieben wird und getrieben werden muss, um von einer Art der Darstellung von Diagrammen auf eine andere umzustellen. Es scheint sich bei diesen Dingen um ein hoch emotionales Thema zu handeln. Fast alle Referenten berichteten, welche Diskussionen allein um die Farben geführt wurden. Insofern stellt das Ausarbeiten eines unternehmensweiten Standards immer nur die eine Seite der Medaille, dessen Einführung, die andere Seite dar.

Für mich war es die erste Veranstaltung im Hichert-Universum. Das bedeutete zunächst einmal: zuhören und lernen. Und schauen, wie die Anwender dessen, was ich programmiere, ticken. Die Lehre die ich für mich gezogen habe ist, dass die Details, die uns in der Entwicklung manchmal Kopfzerbrechen bereiten, für den Endanwender Marginalien sind (was natürlich nicht bedeuten soll, dass sie nicht trotzdem wichtig sind). Derjenige, der die Software benutzt, braucht zunächst einmal ein zuverlässiges Tool, das er intuitiv bedienen und das den Bedürfnissen des Unternehmens entsprechend konfiguriert werden kann.